Hinter der Mauer liegt das Meer – Christl. Friedhof Essaouira

Neulich überlegte die Nachbarin in meiner Gegenwart laut, wohin ihre Urlaubsreise gehen sollte. „Nach Marokko!“ rief ich sogleich. Nun reist sie also in ein paar Wochen nach Marokko und ich bleibe neidisch hier sitzen. Und während ich sämtliche Fotoalben, Reiseführer und Bildbände die ich besitze nach nebenan in ihre Wohnung trage und versuche möglichst viele ihrer Fragen zu beantworten, wird meine Sehnsucht immer größer. Und als ich ihr von all den schönen Orten erzähle fällt mir ein, dass ich hier doch mal einen Post über den Friedhof in Essaouira begonnen hatte. Zwei Jahre ist das her. Kann ich ja mal fertig machen den Post.

In Marokko war ich schon recht oft, aber erst im Oktober 2017 habe ich den kleinen Friedhof in Essaouira entdeckt. Seit 1745 werden dort alle Christen*innen begraben.

Genaugenommen habe ich den kleinen Friedhof garnicht gesucht. Gesucht habe ich die kleinen Läden, gleich links wenn man aus dem Bab Dhoukala kommt, mit eher neuerem Kunsthandwerk, die es 2011 dort gab. Ich fand sie alle geschlossen und verlassen vor.

Ein Stückchen weiter, um die Ecke, neben den verlassenen Läden, war eine Holztür. Sie stand offen. Ich machte einen langen Hals, sah niemanden und ging hinein. Zuerst dachte ich dort sei ein Garten. Dann kam aber noch ein Holztor und ich hatte ihn gefunden, den kleinen Friedhof. Was mir zuallererst auffiel waren die Keramikblumen auf den Gräbern. Solche Blumen hatte ich vorher noch nie gesehen.

Ein paar Monate später sind mir in Paris auf dem Cimetière Montparnasse, genau solche Keramikblumen wieder begegnet. Wer sie sehen möchte kann gerne hier schauen. Also werden sie wohl über den Weg der französischen Besetzung Marokkos hergekommen sein.

Beglückt durch diese überraschende Entdeckung lief ich durch die Reihen den Gräber. Es war eine seltsam friedliche, unwirklich Stimmung. Das Wetter war warm und die Luft salzig und diesig, etwas Wind wehte und bis auf die Schreie der Möwen war es ganz still. Auch das Meer hinter der Mauer war nicht zu hören.

Viele der Gräber wirkten verlassen wie sie so da lagen, von Wind und Sand verweht.

In einem sehr kleinen Häuschen (vielleicht ein Mausoleum?), steht ein goldenes Päckchen auf dem Tisch. Was ist denn da nur drin??? Kaffee. Drogen. Butter. Perlen und Edelsteine. Geld oder Gold. Sämtliche Möglichkeiten schwirren mir durch den Kopf. Aber ich traue mich einfach nicht einen Blick hinein zu werfen.

Auf dem Heimweg rätsele ich noch ein wenig, werde dann aber abgelenkt. Als ich nämlich auf die Dachterrasse in meiner Unterkunft steige, bemerke ich eine neue Mitbewohnerin. Sie ist eingezogen während ich unterwegs war. Wir begrüßen uns auf englisch, stellen aber nach ein paar Sätzen fest, dass unsere gemeinsame Sprache Deutsch ist. Darüber bin ich froh, denn ich schäme mich immer schnell für mein miserables Englisch. Am Abend gehen wir Bier trinken in einem der sehr wenigen Lokale in denen es Alkohol gibt und ich muss A. gar nicht dazu überreden am nächsten Tag noch einmal mit mir zum Friedhof zu gehen. Sie kommt ganz freiwillig mit.

Diesmal schauen wir uns die kleinen Läden genauer an und klettern ganz am Ende über eine Mauer, denn dahinter ist das Meer.

Es ist heiß, die Luft ist voller Salz und es ist auch wieder, wie schon am Tag zuvor, ganz diesig. Der Strand ist fast menschenleer, schwimmen ist wegen der vorgelagerten Felsen zu gefährlich.

Nach unserem Spaziergang am Strand führe ich A. zum Friedhof.

Kopflos.

Zerbrochen.

Geröll und Trümmer.

Vergessen.

Trotz all der Trockenheit die der heiße Sommer gebracht hat, blitzt etwas frisches Grün durch das verdorrte Gras.

Und sogar eine richtig tolle Blüte.

Und weil die A. dabei ist bin ich mutig und reiße das kleine Päckchen auf. Innen drin ist schwarzer Tee. Darauf hätte ich ja auch mal kommen können. Nun ist das Geheimnis gelüftet und wir können den Friedhof beruhigt verlassen. Es gibt nämlich noch einen jüdischen Friedhof hatte ich herausgefunden. Und zu dem laufen wir dann auch noch. Er liegt nicht weit entfernt, nur weiter die Straße entlang auf der rechten Seite. Er ist von einer Mauer umgeben und wir laufen einmal drumherum. Leider ist die Tür verschlossen und wir haben es versäumt in der Synagoge von Essaouira nachzufragen ob man ihn besichtigen kann.

Und weil mir auch nach zwei Besuchen immer noch nicht langweilig ist, besuche ich 2 Monate später nicht nur Essaouira noch einmal, sondern verbringe dabei auch wieder einen Nachmittag auf dem Friedhof.

Bei meinen ersten Besuchen war weit und breit kein Mensch in Sicht und das Tor stand einfach offen. Diesmal sitzt am Eingang ein Mann der sich über ein paar Dirham freut.

Um den Mann herum springt ein junger Hund. Den nehme ich doch gleich mit auf meinen Spaziergang.

In der Zwischenzeit hat jemand Blumen gebracht.

Und überhaupt ist es viel grüner als noch 2 Monate zuvor.

Und wie die Blüte gewachsen ist.

Frische Narzissen strahlen in der Sonne und sogar das kleine Teepäckchen steht noch an seinem Platz.

Natürlich hatte ich mich auch schon gefragt ob es denn keine Friedhofskatzen hier gibt. Sie hatten sich bisher wohl nur versteckt.

Oder wollten mich erstmal aus der Ferne beobachten.

Vielleicht waren sie aber auch genervt von der Ankunft des neuen Mitbewohners.

Die Möwe jedenfalls will weder mit Katz‘ noch Hund ihr Essen teilen.

Nachdem ich gesehen habe, dass auch der kleine Engel nicht mehr tagein tagaus kopflos dort stehen muss, sondern seinen Kopf wiedergefunden hat, verabschiede ich mich vorerst vom kleinen Friedhof.

Aber ganz bestimmt komme ich einmal wieder auf einen Besuch vorbei um zu sehen ob das kleine goldene Teepäckchen immer noch an seinem Platz steht.

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