Ohne Ziel und ohne Schuhe

Ohne Schuhe und Strümpfe rumlaufen war in diesem Sommer meine große Leidenschaft.
Ich war in einem tollen Ferienhaus der netten YogaFreundin K. in Mariendorf.
K. war im Urlaub und weil ich schon im  Urlaub war und zu dem Zeitpunkt  nicht so richtig auf der Höhe, hatte ich mir die Einsiedelei auf dem Land verordnet.
Eine sehr kluge Idee, wie sich schon nach dem ersten Nachmittag und dem ersten Spaziergang mit nackten Füßen herausgestellt hat.
Am nächsten Tag bin ich dann wieder barfuß losgelaufen. Für Notfälle, welcher Art auch immer, waren die Flipflops im Rucksack.
Also los über die Straße an der Feuerwehr vorbei, an hübschen Häusern, einem Wegweiser zum Sportplatz, alten Scheunen und ein wenig so weiter.
Sehr schnell wurde mir die geteerte Straße zu langweilig und für meine Füße zu unbequem und ich hab‘ einen Feldweg gefunden in den ich abbiegen konnte. Allerdings tat sich erstmal eine Riesenpfütze, so breit wie der Weg und ca. 6 Meter lang vor mir auf. Nach dem ersten mulmigen Gefühl bin ich am Rand hindurchgewatet.


Letztendlich kam ich wieder am Wegweiser zum Sportplatz vorbei und diesmal bin ich ihm gefolgt und stand am Ende der Straße vor der Infotafel für den Rundwanderweg Eco Pfad Kulturgeschichte Ahlberg-Mariendorf mit 8 Stationen. (Mehr Infos gibt es hier:http://www.eco-pfade.de/ahlbg-00.html)
Dort hieß es:
„Die Strecke ist in gut 1 ½ Stunde zu bewältigen. Der steile An- und Abstieg am Ahlberg und die Wegführung über nicht befestigte Pfade erfordern festes Schuhwerk“.

Oh ja. Auf einen Berg mit Blick und so. Zur Not hatte ich ja die Flipflops dabei und auf dem Berg angekommen würde ich wieder umkehren. Es war erst 18 Uhr. Also los.
Die erste Etappe des Feldweges bestand aus Sand. Fand ich seltsam, war aber schön weich. Danach dann so erdiger Feldweg mit Gras in der Mitte.

An bunten Blumenwiesen und Pferdeweiden vorbei Richtung Wald. Und da war dann auch schon die erste Station „Das Steigerhaus“. Ein wenig die Straße entlang und schon kommt Station 2 „Bergbau am Ahlberg“. Dort biege ich dann endlich richtig in den Wald und fange an mich abenteuerlich zu fühlen. Der Waldboden ist feucht, die Blätter schön weich aber die Schalen der Bucheckern sind spitz und hart, ich muss mich erst daran gewöhnen. Dann auch ziemlich schnell Station 3 „Tongruben und Ziegelhütte am Ahlberg“.
Weiter geht es den Berg hinauf der mir nicht sehr steil oder beschwerlich vorkommt. Ich laufe vielleicht noch 10min und schon bin ich oben. Hier ist die nächste Station „Ringwall und Warte“. Den versprochenen Blick bis zum Dörnberg gibt es nicht – zu dicht ist das Laub der Bäume.
Weil es bis hierhin keineswegs beschwerlich war überlege ich nicht lange und gehe einfach weiter immer den kleinen roten Wegweisern nach.

Lange ist der Boden voller Bucheckerschalen aber zwischendrin ist er auch immer mal mit Moos oder einfach Blättern gepolstert.

Es geht den Berg auf der anderen Seite wieder herunter. Ich überquere einen Schotterweg, laufe wieder ein Stück auf Blättern und Moos und dann führt der Pfad an einem Zaun entlang. Ich laufe und laufe. Denke darüber nach wie froh ich über den Zaun bin der mich ja vielleicht vor den Wildschweinen die auf der anderen Seite wohnen schützt. Es könnte natürlich sein das sie auf meiner Seite wohnen. Das halte ich allerdings für unwahrscheinlich, denn das hätte schlimmes Herzklopfen zur Folge.

Aber schon werde ich abgelenkt denn ich muss durch einen Bach waten. Und weil ich Bäche und Wasser mag und es so viel Spaß macht laufe ich gleich mehrmals hindurch und wieder zurück und hindurch und zurück und hin und her…

Es lenkt auch von den Wildschweinen, den wirklich vielen, wirklich großen und sehr hohen Bäumen und dem dämmerigen Licht ab. Und dem Gefühl keine Ahnung zu haben wo ich überhaupt bin und wie weit es wohl noch ist. Ich habe keine Flasche mit Wasser dabei. Was ist überhaupt in meinem Rucksack außer den Flipflops? Taschentücher, ein Akku für die Kamera, Telefon (immerhin!), Schlüssel. Sollte ja leicht sein der Rucksack.
Nun kommt eine Lichtung durch die die Sonne scheint und die Bäume sehen noch größer aus und die Wiese ist wunderschön und der Boden weich und voller Tannennadeln und Moos und ach, ein Wegweiser.
Einmal rechts abbiegen und ein Pfad mit Springkraut und leider auch Brennnesseln liegt vor mir. Sie sind so hoch. Teilweise größer als ich und der Boden ist aus hohem Gras und Laub und was sonst noch so von den Bäumen gefallen ist. Wunderschön und verwunschen und schon wieder ist mir etwas gruselig zumute. Aber umkehren ist schon lange keine Option mehr. In was ich da wohl reintrete, was streicht um meine nackten Beine?

Atmen und weitergehen. Rechts viele hohe Bäume und dazwischen ein Meer von pinkrosa Blüten. Links hohe Bäume und darunter ein Meer voller Tannennadeln. Es ist abwechselnd mal heller und dunkler durch die Sonne und die Wolken und die hohen Bäume.
Und wenn jetzt ein Wildschwein kommt oder ein wilder Mensch? Bei dem Schwein werde ich zur Salzsäule erstarren. Den Menschen werde ich entschlossen mit der Kamera umhauen. Ich hab‘ sie schon mal fest in der Hand und gehe immer weiter während die Phantasie mit mir durchgeht und mir die Beine von den Brennnesseln etwas angebrannt werden.
Und dann, ganz weit dort hinten sehe ich das Ende vom Pfad. Es sieht aus wie ein etwas breiterer Weg. Neben mir beginnt es zu gluckern und ich kann einen kleinen Bach oder Wassergraben erkennen. Irgendwie ist es auch wieder heller geworden.

Der Weg bringt Erleichterung, kurzes Gras und lehmige Pfützen unter den Füßen. Zu dem Zeitpunkt weiß ich es noch nicht aber ich habe die längste Etappe nun hinter mir. Und dann trete ich aus dem Dickicht heraus und stehe vor der „Wüstung Reinersen“. Jetzt laufe ich auf einem steinigen Weg an Wiesen und Feldern vorbei und lande auf einer asphaltierten Straße und am „Hutestein von 1748“.

Kurz danach biege ich auf einen grasigen Feldweg ab, laufe an einem Zuckerrübenfeld vorbei, am  „Landwehr und Wildgraben“ und komme zu einer Pferdekoppel. Die Sonne senkt sich langsam und ich habe nun endlich den wunderbar weiten Blick den ich mir schon auf dem Ahlberg erhofft hatte.

Hier mache ich eine kleine Pause und finde dann doch noch etwas Proviant in meinem Rucksack.
Noch einmal laufe ich auf einem steinigen Feldweg entlang um dann für die letzten paar Meter wieder auf Sand zu laufen. Und jetzt, so ganz am Ende, begegnet mir dann doch noch ein Mensch. Eine Spaziergängerin die freundlich grüßt. Und ich bin froh das ich niemanden mit meiner Kamera hab umhauen müssen.

Ich laufe durch das Graß am Sportplatz entlang und dann finde ich noch etwas.
Meine sehr langjährige Freundin, die S. aus K., sagt: „Im Film wär’s übertrieben“. Aber hier war es einfach perfekt:

 

Ganz am Ende des Tages nachdem ich noch den Frosch am Teich besucht, der Amsel beim Apfelpicken und der Sonne beim Untergehen zugesehen habe, als ich dann also im Bett liege, da beginnen meine Füße mir noch die wildesten Geschichten zu erzählen.

 

 

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