11 KW März 2020 – Noch etwas Ruhe vor dem Sturm

Wie geplant war am Montag mein erster Fastentag. Im Büro war viel zu tun und so verging der erste Tag recht schnell. Nur am späten Nachmittag bekam ich Kopfschmerzen die bis zum Abend andauerten. Das ist manchmal so, vermutlich durch den Kaffee – Entzug. War aber auszuhalten. Leider kam ich zu spät für den Yoga – Kurs von der Arbeit.

Jeden Morgen habe ich mich über die Blumen im Hinterhofgarten gefreut, die langsam überall heraussprießen. Die Narzissen waren zuerst da.

Dicht gefolgt von der Schlüsselblume und der Hortensie.

Dienstag bei Wind und Regen zur Arbeit gefahren aber Dank der tollen Regen – Chaps nicht nass geworden. Den ganzen Tag etwas erschöpft vom fasten, kenne ich, ist nicht so schlimm. Deshalb habe ich mich nach der Arbeit auf das Sofa gelegt und etwas gelesen, als mir auch das zu anstrengend wurde habe ich ein Interview von Matze Hielscher (Hotel Matze) mit Kübra Gümüşay gehört. Das fand ich spannend. Es ist recht lang und ich brauchte eine Pause in der Mitte. Wer Lust hat es zu hören geht bitte hier entlang.

Schon am Mittwoch hatte ich einen ersten Energieschub der den ganzen Tag andauerte. Normalerweise hatte ich das bisher immer erst so ab Tag 8 oder sogar 10. Ich war also sehr erfreut und legte so richtig los. Weil der Tag lang war und mit meinem Yoga – Kurs um 19:30 endete, war ich froh, so viel Energie gehabt zu haben. Der Donnerstag verlief fast identisch, einschließlich des Yoga – Kurses am Abend. Am Ende wurde ich gefragt ob der Kurs denn weiterhin stattfinden würde, wo doch Corona immer näher rückt. Voller Überzeugung sagte ich, dass ich natürlich weiter unterrichten würde. Und während ich in all den Tagen gedanklich viel mehr mit den geflüchteten Menschen an der Grenze oder auch auf Lesbos beschäftigt war und Corona bisher nur im Hintergrund herumwaberte, begann das Virus langsam doch auch zu mir vorzudringen.

Am Freitag hatte ich frei, saß morgens auf dem Balkon in der Sonne und begann über Hamsterkäufe, die ich zwar bemerkt aber als unwichtig abgetan hatte, nachzudenken. Las ein bisschen im Internetz herum und beschloss bei Erica anzurufen, um sie um ihre Einkaufsliste zu bitten, damit sie nicht mit zum einkaufen kommen muss. Ich hatte schnell verstanden warum es nicht sinnvoll, ist mit meiner 87jährigen Mutter durch den Supermarkt zu laufen. Sie machte mir allerdings einen Strich durch die Rechnung, sie sagte: „Also ich stelle mich nicht so an! Ich habe keine Angst. Die Oma hat schon immer gesagt: ‚Die, die sich so anstellen haben zuerst was.‘ Und das stimmt auch! Ich will selber einkaufen gehen. Ich muss doch auch mal unter Menschen. Und ich will auch Kaffee trinken gehen in dem schönen Café und hab mit gedacht wir fahren nach Warburg.“ Was soll ich sagen? Ich habe mich ergeben und wir haben es genauso gemacht. Noch jemand Fragen warum ich immer bei fast allen Unwegsamkeiten des Lebens zuerst denke: „Ach paperlapapp, da muss ich eben durch, das wird schon gehen“.

Wir waren nicht nur im Supermarkt sondern auch im Baumarkt. Da gab es diese hübsche Küchenschelle. Und weil wir anschließend tatsächlich noch im Café waren, war ich zu spät für Yoga und bin stattdessen bei der A. und der T. vorbei gefahren. Und da ging es dann richtig los. Die beiden haben eine großen Fernseher (ich hab ja keinen) und wir haben den ganzen Abend die neuesten Nachrichten zu Corona, über die Kita- und Schulschließungen etc. angesehen. Ab da war ich dann auch – blöder Witz – CoronaInfo infiziert. Natürlich kannte und befolgte ich auch vorher schon das ganze Programm mit Hände waschen usw. aber der Ernst der Lage ist bei mir doch erst so richtig auf dem Sofa der Freundinnen angekommen.

Den Samstag verbrachte ich deshalb im Hinterhofgarten. Die Sonne schien, das Nachbarskind sammelte Raupen, machte archäologische Ausgrabungen, hämmerte auf Steinen rum und sang dabei Lieder, seine Eltern werkelten auch im Garten und die beste Nachbarn stand auf dem Balkon und kontrollierte und kommentierte. Ein schöner Frühlingstag. Dann kam die Nachricht der Kollegin: „Um 18 Uhr ist Krisensitzung. Kommst du mit?“ Also fuhr ich am Samstag um 18 Uhr zur Arbeit. Das fühlte sich sehr seltsam an. Die Stadt hatte das Kulturzentrum aufgefordert ab Montag alle Standorte zu schließen. Dafür musste einiges organisiert werden und die Kolleginnen haben eine Mail erhalten mit der Anordnung bis auf Weiteres zu Hause zu bleiben. In der Nacht habe ich unruhig geschlafen.

Am nächsten Morgen gab es wieder Balkontee in der Sonne. Mittags bin ich durch die Aue in den Schrebergarten geradelt. Im allerschönsten Sonnenschein. Der Park war voller Menschen und mir kam alles sehr unwirklich vor.

Die Gartenchefin war schon fleißig und auch die Gartenfotografin (das bin nicht ich) saß mit der Schere im Gestrüpp.

Die Beete und der alte Sandkasten vom falschen Patenkind sind voller Mohn. „Der Mohn muss weg!“ sagt die Gartenchefin und ich fange sofort an zu protestieren. In den letzten Jahren hieß es immer: „Die Ringelblumen müssen weg!“, jetzt sind kaum noch Ringelblumen da und nun soll der Mohn dran glauben? Nicht mit mir. Da wir vermutlich alle unseren Urlaub im Garten, statt in anderen Ländern, verbringen werden, kann ich sehr gut auf den Mohn aufpassen.

Der Vater der Gartenchefin, ich mag ihn sehr, hat seinen Garten um die Ecke. Er liebt es, allerlei Zeug im Garten zu dekorieren. Ich habe ihm verboten Dekorationsartikel in unserem Garten zu deponieren. Ich glaube es fällt ihm schwer, aber er hält sich daran. Dort oben sitzt seine neueste Errungenschaft, festgenaglt an einem alten Baumstamm, direkt am Eingang von seinem Garten. Der sizilianische Gartenkönig mit Bierflasche in der Hand. Flipflops habe ich allerdings im wahren Leben noch nie an ihm gesehen.

Nebenan im Garten ist im Winter Schneewittchen eingezogen.

Ich glaube es gab schon Streit mit Zwerg und Frosch. Die sollen bloß keinen Lärm machen wenn ich im Garten sitze und lesen will.

Zurück zu Hause habe ich mit Freund*innen telefoniert, auf dem Balkon gesessen, meine Zugfahrt nach Montpellier, die im April stattfinden sollte, storniert und bin früh ins Bett gegangen. Gespannt, was wohl der Montag bringen wird.

Normalerweise endet der Wochenbericht hier. Ich mache jetzt aber einfach weiter. Was getan ist getan. Ich bin heute Morgen zum ersten mal mit Sonnenbrille zur Arbeit geradelt. Ohne all die Schüler*innen die mir normalerweise begegnen, kam fast ein Feriengefühl auf. Im Büro hatte die Kollegin schon Schilder in verschiedensten Sprachen vorbereitet, die wir anschließend an Außentüren verteilten. Sie ging dann zur nächsten Krisensitzung und ich nahm zwei Kolleginnen in Empfang, die wir hergebeten hatten um den Menschen, unseren Klient*innnen, die Situation zu erklären, die nicht genug deutsch verstehen um die Schilder lesen zu können und ihre Fragen zu beantworten. Für mich erschreckender Weise, wussten einzelne mit Corona garnichts anzufangen, anderen war nicht klar, was es bedeutet oder warum nun die Schulen etc. geschlossen sind. Ich hatte, sehr naiv, angenommen sie würden eben Nachrichten in ihrer Muttersprache hören/sehen. Glücklicherweise waren es wirklich nur sehr vereinzelte Menschen, die Aufklärung benötigten. Die Situation hat aber für vermutlich alle sehr viel mehr negative Auswirkungen, als ich mir vorstellen kann. Sämtliche Unterstützung die sie bei uns bekommen, die in Zusammenhang mit Anträgen beim Job Center zu tun haben und die deshalb ihre Wohnung, Energieversorgung und den Lebensunterhalt betreffen, können wir nur noch telefonisch geben. Und auch das muss erst noch gut organisiert werden. Dabei ist ja nicht mal klar, wie lange es noch möglich sein wird, dass wir zur Arbeit gehen können.

Zurück zu Hause, habe ich gemerkt wie viel Stress in mir steckt. Ich bin zwar innerlich ruhig und Angst oder gar Panik habe ich auch überhaupt nicht, mir ist immer bewusst wie gut es mir geht, im Gegensatz zu so vielen anderen, aber anstrengend ist es trotzdem. Fragen beantworten, auf andere Fragen keine Antwort wissen, organisieren, planen, ratlos dasitzen, nicht planen zu können und nicht zu wissen was wird….

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6 Kommentare

    1. Oh wie schön. Habe mir gerade angesehen was Saponaria officinalis ist und wie es aussieht. Seifenkraut-wie passend in diesen Zeiten, und so hübsch sieht es aus. Ich würde mich sehr freuen. Ein wenig Platz für hübsche Blumen finde ich schon noch😊 . Und einen großen Teil vom Mohn werde ich verteidigen😉

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