Teil II – Das Tal der Tauben, der Burgberg und die Stadt am roten Fluss

Am Sonntag werde ich von seltsamen Geräuschen geweckt. So eine Art dumpfes Zischen und dann wieder einen Moment Ruhe. Ich werde langsam wach und mir fällt ein, dass es womöglich die Ballone sein könnten. Im Reiseführer steht sie machen Geräusche. Ich rechne nicht wirklich damit welche zu sehen als ich aufstehe und aus dem Fenster sehe, immerhin bin ich nur im 1 Stock und das ist nicht sehr weit oben. Aber ich ziehe den Vorhang zu Seite und bin sehr überrascht. So schön sieht das aus wie die Ballone herumschweben. Ich koche mir einen Tee, sitze im Bett und schaue dabei aus dem Fenster. Es ist halb 7 Uhr. Um 7 Uhr laufe ich barfuß durch das nasse Gras im Garten. Ganz schön kalt. Dann teste ich das Wasser im Pool. Viel wärmer als das Gras. Also zieh ich mich um und ziehe anschließend eine Weile ein paar Bahnen und schaue dabei immer wieder nach oben und freue mich.

Anschließend eine heiße Dusche, nochmal Tee und ein Blick aus dem Fenster. Es fliegen immer noch Ballone am Himmel herum aber die Nachbarin scheint es nicht zu beeindrucken. Sieht sie ja auch jeden Tag.

Um 9 Uhr gehe ich zum Frühstück und danach freue ich mich auf einen Spaziergang nach Uçhisar. Vorher gehe ich noch Kaffee trinken denn der Hotelfrühstückskaffee ist nicht so der Hit. Auf dem Weg zum Café wünsche ich der Katze einen schönen Tag. Sie schaut aber an mir vorbei.

Ein Mann schaufelt unermüdlich Kürbisschalen auf einen Wagen.

Jemand hat das Skateboard unter einem alten Besen versteckt.

Was dieses Sofa/Sessel Arrangement bedeutet kann ich mir nicht erklären.

Ich werde in den nächsten Tagen noch an einigen dieser bunt geschmückten Bäume vorbei kommen. Es ist nicht der Erste und auch nicht der Letzte.

Neben der Straße ist ein Flussbett ohne Wasser. Dafür wachsen dort schöne Stockrosen.

Vor mir läuft eine Oma mit ihrem Enkelsohn der ihr unaufhörlich Fragen stellt die sie ihm beantwortet. Zumindest klingt es so für mich.

Mein Weg nach Uçhisar führt durch’s Taubental.

Ich bin froh, dass hier zwar vor einem Hund gewarnt wird, aber keiner in Sicht ist.

Es ist ziemlich heiß aber das macht nichts denn der Weg ist oft schattig.

Kurze Begegnung mit ‚Merhaba‘ und ‚Hello‘.

Puschelclematis.

Sieht hier noch jemand einen Mund mit dicken Lippen?

Lange habe ich geschaut ob auf dem Felsen ganz oben völlig regungslos ein Vogel sitzt. Dann ist er weg geflogen.

Ein mir unbekanntes Arbeitsgerät.

Hier ist nun das oben genannte Lost Heaven Café. Sieht gemütlich aus. Es ist allerdings weit und breit niemand in Sicht. Ich lasse eine Wandergruppe an mir vorbei marschieren. Sie sind mit Stöcken, Rucksäcken und Wanderschuhen ausgestattet und starren auf meine nackten Füße.

Ich grüße freundlich und laufe einfach weiter.

An dieser Stalle ist sogar der Weg mit einem  Zaun abgesichert. Was dann kurze Zeit später kommt, hätte aus meiner Sicht ein Geländer oder Seil verdient.

Hier war kein Seil oder sonstige Hilfe in Sicht. Rechts ging es ziemlich tief runter. Ich hatte etwas Angst. Die habe ich aber weggeatmet denn ich wollte unbedingt nach oben. Währenddessen wurde der Entschluss gefasst keinesfalls den gleichen Rückweg zu nehmen.

Nach der ersten Etappe gleich die Belohnung.

Blick auf das Nachbartal in dem ich einen Tag zuvor gelaufen bin.

Nach einem weiteren steilen Stück des Weges nach oben, stehe ich dann in einem Teegarten der tatsächlich geöffnet hat und werde freundlich begrüßt. Der nächste geschmückte Baum erwartet mich.

Während ich auch meinen Çay warte, bestaune ich verwundert den Eiffelturm.

Der Weg führt weiter bergauf und dann sehe ich die ersten Gärten, Felsen und Hauser Uçhisar und auch den Burgberg auf dem Menschen herumlaufen. Ich werde wohl nicht dazu gehören. Aber ich werde es zumindest versuchen.

Trotzdem muss ich mich auch immer mal wieder umdrehen.

Hier wird wirklich etwas für die Tourist*innen getan. Was wäre dieses Kappadokien nur ohne zusätzliche Fotomotive.

Während ich durch die kleinen Gassen nach oben steige gibt es allerlei zu sehen:

Ahhh gut, nach rechts abbiegen. Ich war schon verwirrt.

Dies ist ein Wollkämmgerät, erklärt mir der Ladenbesitzer auf meine Nachfrage. Damit wird die Wolle gekämmt bevor sie weiter verarbeitet wird. Kleine scharfe und flache Steine und Metallrädchen.

Katze mit ihrem Mensch.

Die Freundin vom weissen Elefant getroffen.

Hier versuche ich jetzt hoch zu klettern.

Dazu muss ich an der Telefonzelle vorbei. Die Leiter könnte ich vielleicht auch gebrauchen.

Auch wenn nicht mehr viele Menschen in Höhlenwohnungen leben, werden die Höhlen weiterhin genutzt. Sogar hier im berühmten Burgberg von Uçhisar.

Diese beiden klettern auch nicht hoch.

Und hier macht noch jemand einen ganz zufriedenen Einduck. Vielleicht ist sie aber auch auf dem Rückweg.

Ich laufe weiter und suche den Aufstieg. Dabei komme ich hier vorbei – und scheitere. Es geht höher und steiler hinauf als es aussieht. Und das ist erst der Anfang.

Ich laufe hin und her und finde den Aufstieg nicht. Ist ja nicht so schlimm. Ich muss nicht dringend ganz nach oben. Ist auch gerade niemand hier den ich fragen könnte. Ist auch wirklich hoch. Und ich bin keinesfalls lebensmüde. Sollen doch alle anderen hochklettern. Ich will schließlich in ein paar Tagen nach Istanbul weiter reisen.

Schnell finde ich eine andere Beschäftigung. Ich verfolge diese drei Frauen mit den schönen Kleidern.

Nachdem ich gefragt habe ob ich sie fotografieren darf, legen sie so richtig los. Mir gefallen aber nur die weniger geposten Fotos.

Nebenan ist ein Hochzeitsfotograf bei der Arbeit.

Kleine Pause auf der Bank mit Aussicht und dann kehre ich um.

Zerbrochenes Mitbringsel. Keine Angst, ich werde keinen kappadokischen Plastikfelsen in die Reisetasche stecken. Dabei hätte ich an jeder Ecke die Gelegenheit dazu.

So sehen sie aus wenn sie nicht zerbrochen sind. Ist jetzt jemand enttäuscht weil ich keinen mitbringe?

Hier allerdings überlege ich eine Weile.

Falls es jemand bemerkt hat: ich habe in meinem Hotezimmer keine Lampe neben meinem Bett. Das ist schade und ich muss am Abend bei ungemütlicher Deckenbeleuchtung lesen. Deshalb darf ich mir hier Gedanken über eine kleine Lampe machen. Die wäre ja sogar jetzt, also auf der Reise, schon ausgesprochen nützlich. Und zu viele blaue Schüsseln kann man auch kaum haben.

Ballonfahrt mit Freundinnen.

Im Reiseführer steht, dass die Frauen in Kappadokien unglaublich schöne Teppiche knüpfen. Sie brauchen dafür sehr viel Zeit und ihr Verdienst daran ist sehr gering, weil sie von den Teppichhändlern am Ende nur ein Taschengeld bekommen. Seit einigen Jahren haben sie erkannt, dass sich mit der Herstellung von  Puppen, bunten Pullovern und umhäkeln von Tüchern sehr viel mehr Geld verdienen lässt.

Gebimsel mit Perlentroddeln.

Ich mache mich auf die Suche nach der Haltestelle für ein Dolmuş weil ich nicht durch das Taubental zurück laufen will. Ich fürchte den steilen Abstieg und bin außerdem müde. Zurück in Göreme auf dem Weg zu meinem Hotel: Pink an pink. Da musste ich einfach losknipsen.

Es folgt ausruhen am Pool. Lesen ist schön und etwas schlummern auch. Ich finde man kann sehen wie müde die Füsse sind.

Nach 2,5 Stunden Nachmittagsruhe bin ich wieder unternehmungslustig. Ich laufe los und frage mich durch zur Haltestelle nach Avanos. Der/die/das(?)Dolmuş ist vor 15 Minuten weggefahren und niemand kann etwas über den Fahrplan sagen.  Also rumsitzen und warten.

Letztendlich habe ich 30 Minuten gewartet. In Avanos angekommen laufe ich zuerst in Richtung Fußgängerhängebrücke. Sie führt über den Kızılırmak, den roten Fluss. Für Tourist*innen aus aller Welt hat Avanos nicht genug zu bieten (verstehe ich nicht, bin aber froh darüber). Weil die ansässigen  Ladenbesitzer und Händler darüber nicht sehr froh sind, hat die Stadtverwaltung sich eine andere Strategie überlegt und ihr Augenmerk auf die einheimischen Tourist*innen verlagert. Und so kommen an Feiertagen viele Besucher*innen aus Ankara, Istanbul etc. und deshalb ist die Brücke auch so voller Menschen und schaukelt dementsprechend stark hin und her. Da halte ich mich besser mal fest.

Enten und Gänse füttern.

Çay trinken.

Hinter der Brücke beginnt ein großer Park und dort ist so richtig schönes Sonntagspicknickremmidemmi. Aus der Ferne höre ich Musik und laufe in die Richtung aus der sie kommt. Etwa 20 Menschen singen und tanzen und haben Spaß. Und winken mir zu und ich winke zurück. Und dann kommt eine Frau auf mich zu, greift an mein Handgelenk und schon bin ich mittendrin. Ich werde zuerst ausgefragt woher ich komme. „Ach so, Deutschland. Ich komme aus Kiel. Ich mache hier Urlaub in meiner Heimat. Wir sind eine große Wandergruppe. Kommen Sie und tanzen Sie mit. Kennen Sie türkische Tänze? Geht ganz einfach.“ Und schon legen wir los. An dieser Stelle danke ich meinen türkischstämmigen Kolleginnen, die mir zu verschiedenen Anlässen Halay beigebracht haben. Halay ist ein traditioneller türkischer Kreistanz der auf keinem Fest fehlen darf. Ich mag Halay sehr. Habe allerdings nur für die einfachsten Formen Talent und komme auch irgendwann mit der Geschwindigkeit nicht mehr mit denn die Musik wird oft immer schneller. Es macht aber so viel Spaß. Nach zwei Tänzen bedanke und verabschiede ich mich und schaue noch einmal zurück. Da hat der nächste Tanz schon begonnen.

Ich laufe zurück zum roten Fluss. Er hat Avanos zu einem Töpferzentrum werden lassen. Der Kızılırmak lagert an seinen Rändern Sedimente ab, die als Ton aufbereitet in den zahlrechen Töpferhöhlen und Ziegeleien zu Kannen, Schüsseln und verschiedenen anderen Gefäßen geformt werden. Der Ton ist sehr eisenhaltig und verleiht den Töpferwaren ihre rötliche Farbe und dem Fluss seinen Namen. Ich kann mir nicht erklären warum ich keinen einzigen der hübschen Tontöpfe- und Kannen geknipst habe. Schade.

Es geht für mich am Flussufer entlang …

… mit Blick auf die Brücke und die Moschee.

Dann laufe ich über eine andere Brücke zurück und ein Stück am anderen Ufer entlang. In fast jeder türkischen Stadt habe ich bisher ein Saat Kulesi, einen Uhrenturm, gefunden.

In Reih‘ und Glied.

Große Gänsefütterung.

Hasenpyjama. Zumindest sieht es für mich wie ein Pyjama aus.

Kleiderhaken mit Wäscheklammern.

Dann sehe ich weit oben einen Aussichtspunkt und mache mich auf den Weg. Der geht natürlich steil nach oben. Dabei werde ich beobachtet. „Ahhh schon wieder so eine schwitzende Touristin.“

Honigaugen.

Oben  angekommen stehe ich vor einem Friedhof. Und freue mich.

Ich besichtige ihn aber ausnahmsweise nicht, sondern laufe weiter zum Aussichtspunkt.

Golden sieht es aus von oben.

Tja und dann laufe ich durch eine Gasse nach unten, in der in kurzen Abständen türkische Persönlichkeiten aufgereiht sind. Als lebensgroße Metallskulptur oder als Wandrelief. Alles Männer. Und mir außerdem unbekannt. Ich frage 3 junge Frauen ob es außer bekannten Männern auch Frauen gibt.  Sie führen mich zu Gülten Akın. Die kenne ich zwar auch nicht, mache mich aber schlau. Und bin beeindruckt. Gülten Akın(*1933, Türkei) ist eine bedeutende Dichterin für die zeitgenössische Literatur der Türkei. Sie hat Jura studiert und viele Jahre als Anwältin, Lehrerin, sowie als Literaturkritikerin und Essayistin gearbeitet. Sie ist Gründerin und Leiterin einer Menschenrechtsorganisation. Das Schreiben von Poesie ist für sie gleichbedeutend mit der Wahrnehmung von sozialer Verantwortung.
Im Verlauf der letzten 50 Jahre hat Gülten Akın die wichtigen Themen einer traditionellen, patriarchalischen Gesellschaft aus weiblicher Perspektive dargestellt. Ihre Lyrik beschäftigt sich mit Fragen der Gleichberechtigung, mit Gerechtigkeit, mit Liebe und wendet sich den Unterprivilegierten der Gesellschaft zu. Sie schreibt über Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden konnten und ausgeschlossen sind von den sozialen, politischen und ökonomischen Möglichkeiten. Gülten Akın verweist auf die rauen sozialen und ökonomischen Verhältnisse, vertraut jedoch in den Kampf der Menschen gegen Unterdrückung, Armut und Ausbeutung. (Quelle: Haus für Poesie). Die drei jungen Frauen sind ganz wild darauf ein Foto von mir zu machen. Ich bin einverstanden.

Kurze Zeit später: Herzen pflastern meinen Weg.

Wieder unten am Flussufer angekommen.

Unter der Hängebrücke.

Kurze Zeit später, es wird schnell dunkel, mache ich mich wieder auf die Suche nach einer Haltestelle und finde sie auch. Mir wird gesagt der Bus kommt „Şimdi“, das bedeutet „Jetzt“. Gemeinsam mit vielen anderen warte ich 30 Minuten. Wir fahren durch die Nacht und dabei werde ich schläfrig. Zurück in Göreme und im Hotel bin ich neugierig wer denn nun Gülten Akın ist und lese ein paar Gedichte. Und wer bis hierhin noch nicht eingeschlafen ist kann gerne zwei von ihnen lesen. Ich habe sie hier gefunden und sie sind auf deutsch bzw. türkisch.

 

Winterreise
In einem verschneiten Garten, wie aus heiterem Himmel,
die gewitterblaue Blume vor mir, namenlos für mich.
Beugte ich mich nieder, schaute ich nach ihr, erschiene sie wieder.
Der Länge nach in die Steppe
erstreckt im Himmelsblau sich die Welt.
Sie und ich, wir beide.
Jung wie der Morgen sind wir, noch jung wie der Morgen,
und unser Lächeln
hat den Reiz des Schuleschwänzens.
Ist es Rückkehr, ist es Traum, sind wir gealtert,
zwischen uns die gewitterblaue Blume,
sie und ich, die Welt, wir beide
gehen und kehren zurück.
Aus dem Türkischen übersetzt von Monika Carbe

KIŞ YOLCULUĞU
Karlı bir bahçede apansız karşıma çıkan
Adını bilmediğim o fırtına mavisi çiçek
Eğilsem baksam yeniden görünecek
Bozkıra uzanmış sereserpe
Gökyüzü maviliğinde
Dünya, onunla ben, ikimiz
Çok genciz daha çok genciz
Okul kaçağı tadında
Gülümsememiz
Dönüş mü hayal mi yaşlandık mı
Aramızda o fırtına mavisi çiçek
Onunla ben dünya ikimiz
Gider döneriz
© Gülten Akin

Armselige Zeiten der Kränkung
Die Frauen, kleine Mädchen in Schulen,
die sie lehren, wie sie sich verbrauchen,
memorieren ihr Pensum, brav wie eh und je.
Es spielt der Tod mit schwarzem Dolch in ihrem Haar,
hofft auf Beute, doch schreckt er zurück.
Der Regimenter stumme Bastionen sind sie,
auf ihrem Antlitz purpurne Rosen der Liebe,
verwandelt in Kränkung.
Auf dem Ast eine gesprenkelte Taube,
kommt wie ein Eichhörnchen daher,
Frieden, heiliger Frieden, dein sind die Häuser,
donnernd möge er die Flagge hissen, sollen sie doch!
Männer, verliebt in ihr Ich, armselige Zeiten.
Aus dem Türkischen übersetzt von Monika Carbe

GÜCENİK YOKSUL GÜNLER
O kadınlar kendini tüketme okullarının
Ezberci küçük kızlarıdır, hiç değişmezler
Oynar kara kılıcıyla saçlarından
Ölüm, umutlanır ama ürker
Onlar alayların sessiz kaleleri
Durur yüzlerinde sevgilerden
Gücenmeye düşen mor güller
Dalda sincap gelişli, ala güvercin
Barış, kutsal barış evler senin
Gürleyip bayrak açsın, varsın açsınlar
Bencil erkekler, yoksul günler
© Gülten Akin

 

 

 

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